Mögliche Interaktion zwischen Vitamin-K-Antagonisten und der Goji-Beere

veröffentlicht am: 2013
Verfasser: Axel Wiebrecht, Andreas Kalg

Kommentar aus Sicht der Chinesischen Medizin zur Mitteilung des BfArM

 

„Ärzte und Patienten sollten sich der Möglichkeit einer Wechselwirkung von Vitamin-K-Antagonisten mit der Goji-Beere bewusst sein. Entsprechende Fälle könnten sich durch die zunehmende Verwendung dieser Beeren häufen. Dabei sollte insbesondere auf die zunehmende Verbreitung von Zubereitungen aus Goji-Beeren, wie zum Beispiel Tees, Marmeladen etc., in Deutschland geachtet werden. Patienten, die Vitamin-K-Antagonisten einnehmen, sollten Zubereitungen, die Goji-Beeren enthalten, vermeiden...“1 

 

 Diese Meldung wurde vom BfArM in seinem Bulletin vom 27.03.2013 herausgegeben und von verschiedenen Medien aufgegriffen. Gojibeeren (botanisch Lycium barbarum L.) werden in verschiedener Form zunehmend auch bei uns als Lebensmittel verwendet. In der Chinesischen Medizin ist Lycii Fructus (gou qi zi) ein wichtiges Mittel zur Tonisierung des Leber- und Nieren-yin mit einer besonderen Affinität zum Auge. Daneben wird auch die Wurzelrinde, Lycii Cortex (di gu pi) als Blut-, Nieren- und Lungen-Hitze kühlendes Mittel eingesetzt.

Vitamin-K-Antagonisten sind oral eingenommene Arzneimittel zur Gerinnungshemmung, so genannte Blut verdünnende Substanzen, wie z.B. Marcumar oder das im amerikanischen Raum übliche Warfarin. Zur Wirkungskontrolle von Vitamin-K-Antagonisten wird heutzutage die INR (Internationale Normalisierte Ratio) als Messwert herangezogen. Die INR liegt bei Gesunden bei einem Wert um 1 und steigt bei Einnahme von Antikoagulanzien an. Je nach Indikation sollte die INR zwischen 2 und 3,5 liegen. Bei sehr hoher INR, z.B. INR >4, besteht akute Blutungsgefahr.

Der Warnhinweis des BfArM ist grundsätzlich gerechtfertigt. Es sind 3 Fallberichte über Wechselwirkungen von Gojibeeren mit Vitamin-K-Antagonisten in der Literatur veröffentlicht, ein weiterer Fall stammt aus der Datenbank des BfArM. In dem schwereren dieser Fälle2 kam es zu verschiedenen Blutungen, die Prothrombinzeit war nicht mehr messbar erhöht. Allerdings lässt sich hier der Zusammenhang mit der Einnahme von Gojibeerensaft nicht eindeutig bestimmen. Bei der betreffenden Patientin, einer 71jährigen US-Amerikanerin, wurde bei Entlassung aus dem Krankenhaus nach einer Knie-Operation die Dosis des Vitamin K-Antagonisten Warfarin verdoppelt, ob- wohl die INR fast im therapeutischen Bereich lag. Sie begab sich dann nicht, wie angewiesen, zur Gerinnungskontrolle zum Hausarzt, sondern nahm die erhöhte Dosis für 8 Wochen ein, bis es zu den Blutungen kam. An diesem Tag und an den 3 vorangehenden Tagen hatte sie zweimal täglich je 30 ml Gojibeerensaft getrunken. In diesem Fall könnten also die Blutungen allein schon auf die erhöhte und unkontrollierte Einnahme von Warfarin zurückgeführt werden.

Im erstveröffentlichten Fall3 war eine US-Amerikanerin stabil auf Warfarin eingestellt. Unerwartet kam es zu einer INR-Erhöhung von zuvor 2,5 auf 4,1. Sie hatte die letzten 4 Tage jeweils 3-4 Tassen eines „konzentrierten Tees“ aus Lycii Fructus getrunken. In einem weiteren Fall4 war eine 80jährige Chinesin aus Hongkong auf Warfarin eingestellt, die INR lag zwischen 2.05 und 3.56. Nachdem sie für 2 Tage ein Dekokt aus Lycii Fructus eingenommen hatte (entsprechend 30 bzw. 20 g Droge), lag die INR bei 4,97. Danach war der INR-Wert unter leicht abgesenkter Warfarindosis wieder stabil. Nach einer späteren weiteren Einnahme des Dekokts (entsprechend 40g Droge) für 1 Tag lag am Folgetag die INR bei 3,86. Weitere Kontrollen nach Auslassen des Dekokts zeigten stabile INR-Werte.

Der gemeldete BfArM-Fall1 ist nur schlecht dokumentiert. Es kam bei einem 77jährigen deutschen Patienten, der seit vielen Jahren stabil auf Marcumar eingestellt war, nach dem Genuss von 30-50 Gojibeeren täglich über 2-3 Monate zu großflächigen Hautblutungen und Hämatomen. Verlaufsparameter fehlen, so dass auch dieser Fall nicht sicher zu bewerten ist.

Fazit: 

Die gewisse Häufung der Fälle macht einen Zusammenhang zwischen Vitamin-K-Antagonisten und Gojibeeren wahrscheinlich. Die beobachtete Gerinnungshemmung kam jeweils unter hohen Dosen Lycii Frucuts als Dekokt, „Tee“, Saft bzw. in Form der Früchte zustande. Die offizielle Tagesdosis in der Chinesischen Medizin liegt mit 6-12 g niedriger.5 Dennoch könnte es auch unter therapeutischer Dosierung bei Behandlung mit Vitamin-K-Antagonisten zu einer erhöhten Gerinnungshemmung kommen. In einer komplexen Rezeptur kann die Wirkung noch einmal anders aussehen als bei Gabe der Einzeldroge. Interaktionen sind bei gleichzeitiger Behandlung mit Chinesischer Arzneitherapie und konventionellen Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite immer möglich. Das Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie (CTCA) empfiehlt6, in derartigen Fällen die Indikation für beide Therapierichtungen streng zu stellen und, soweit möglich, die Medikamentenspiegel (bzw. hier den Gerinnungswert) regelmäßig zu bestimmen. Durch engmaschige INR-Kontrollen und entsprechende Anpassung der Antikoagulanziendosis lässt sich dann die Gerinnungshemmung unschwer steuern, wie das bei anderen Komedikationen auch gelingt. Es empfiehlt sich eine INR-Kontrolle ca. 3-5 Tage nach Gabe, Änderung oder Absetzen von chinesischen Arzneien, bei Gojibeeren nach 3 Tagen. Grundsätzlich ist in diesem Zusammenhang anzumerken, dass nicht nur die Gojibeeren, sondern auch eine Reihe anderer Nahrungsmittel mit Vitamin-K-Antagonisten interagieren können. Dies sind insbesondere Gemüsesorten, die reich an Vitamin K sind, wie z.B. Sauerkraut, Blumenkohl, Brokkoli, Blattsalate, Spinat und Rosenkohl. Im Gegensatz zu Lycii Fructus (gou qi zi) vermindern sie die Gerinnungshemmung von Vitamin-K-Antagonisten, stellen also deren therapeutische Wirksamkeit in Frage. Diese Nahrungsmittel sollten daher bei Einnahme von Vitamin-K-Antagonisten nur in geringen Mengen konsumiert werden. Bei Lycii Fructus ist der zugrunde liegende Wirkmechanismus der Interaktion mit diesen Mitteln bislang noch nicht eindeutig identifiziert. Weiterhin ist noch unbekannt, ob die Wurzelrinde dieser Pflanze, Lycii Cortex (di gu pi), auf gleiche oder ähnliche Weise mit Vitamin-K-Antagonisten interagiert wie die Beere. Bislang sind keine Interaktionen beschrieben worden.

1. BfArM März 2013. http://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/vigilanz/bulletin-zur-arzneimittelsicherheit/2013/1-2013.pdf?__blob=publicationFile&v=8
2. Rivera CA et al. Probable interaction between Lycium barbarum (goji) and warfarin. Pharmacotherapy 2012;32:e50-3
3. Lam AY et al. Possible interaction between warfarin and Lycium barbarum L. Ann Pharmacother 2001;35:1199-201
4. Leung H et al. Warfarin overdose due to the possible effects of Lycium barbarum L. Food Chem Toxicol 2008;46:1860-2
5. Pharmacopoeia of the Peoples Republic of China (English version). Vol. I. Beijing: China Medical Science Press, 2010
6. www.ctca.de

 

Dieser Artikel von Axel Wiebrecht und Andreas Kalg war zuerst erschienen in Naturheilpraxis 6/2013.